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Das Hessische Landesarbeitsgericht urteilt: Eine mehr seit 26 Jahren beschäftigte Bankangestellte kann nicht gekündigt werden, weil sie den Fehler eines Kollegen übersieht

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt wird auch entgegen vollmundiger Bekundungen der Bundesregierung nicht wirklich besser. Hinzu kommt, dass die Kündigungsschutzgesetze die Rechte der Arbeitnehmer weiträumig sichern - gerade dann, wenn Mitarbeiter über einen Zeitraum X beim Unternehmen beschäftigt sind. Wer einen lang gedienten Mitarbeiter los werden möchte, der muss sich basierend auf den Schutzgesetzen massiv etwas einfallen lassen oder man muss dem Mitarbeiter schwere und schwerste Vergehen vorwerfen können. Eine besondere Ausnahmestellung haben dabei jedoch noch vorgesetzte Mitarbeiter, die zu Teilen auch dann zu Verantwortung gezogen werden können, sollten unterstellte Mitarbeiter fehlerhaft arbeiten und dieses Verhalten wird vom Vorgesetzten quasi gedeckelt oder aber nicht wahrgenommen.

Doch wie und wann kann man sich als Arbeitgeber von einem solchen Mitarbeiter trennen, der als Korrektur- und Überprüfungsinstanz den Fehler eines Kollegen nicht bemerkt? Mit der Klärung eines solchen Falles musste sich das Hessische Landesarbeitsgericht befassen. Am 07. Februar 2013 urteilten die zuständigen Richter am LAG unter dem Aktenzeichen AZ.: 9 Sa 1315/12, dass eine Mitarbeiterin, die seit mehr als 26 Jahren in der betreffenden Bank beschäftigt war, nicht aus dem Grunde kündbar ist, dass sie den Fehler eines schlafenden Arbeitskollegen übersehen hat.

Fatalen Fehler des Kollegen übersehen

Im aktuell verhandelten Fall drehte es sich um eine Bankangestellte im Alter von 48 Jahren, die seit 1986 im Unternehmen beschäftigt war. Bei ihrer zuletzt ausgeübten Tätigkeit handelte es sich um die Position einer Sachbearbeiterin im Zahlungsverkehr. Dabei musste sie Überweisungsbelege kontrollieren und gegebenenfalls auch korrigieren, wenn es zu ersichtlichen Fehlern gekommen war. Am 02. April im Jahr 2012 hatte sie Logdateien im System 603 Überweisungsbelege angeblich in unter 1,4 Sekunden geprüft, 104 Überweisungsbelege in über 3 Sekunden und weitere 105 Überweisungsbelege in einem Zeitrahmen von 1,5 bis 3 Sekunden. Bei dieser Routinearbeit hatte die 48-Jährige übersehen, dass durch den Fehler eines Kollegen bei einem verrenteten Kunden der Bank ein Überweisungsbetrag von 62,40 Euro irrtümlich auf 222.222.222,22 Euro nachkorrigiert worden war. Eine genauere Überprüfung des Vorganges ergab, dass der Kollege eingeschlafen war und dabei die Zahl "2" konstant gedrückt hielt - dieser Mitarbeiter war jedoch nicht Teil des Prüfungsteams. Dem bankinternen und automatischen Prüfungssystem entging dieser Fehler nicht und so wurde Schaden vom Bankhaus abgewendet, da das System selbst den Tippfehler korrigierte. Der Vorwurf des Arbeitgebers an die Mitarbeiterin lautete, sie habe das Unternehmen arglistig getäuscht, indem sie vorgab, die Belege zu prüfen, was aber basierend auf der Zeitspanne, in welcher die vermeintlichen Prüfungen vorgenommen wurden, technisch unmöglich gewesen sei. Basierend darauf kündigte man der Mitarbeiterin, die seit 26 Jahren im Bankunternehmen beschäftigt war, fristlos - ersatzweise auch fristgerecht. Schon dem Arbeitsgericht wurde die Kündigung als nicht rechtens erklärt, wogegen die Bank in die Berufung zog und so vor dem LAG entschieden werden musste.

Das Hessische Landesarbeitsgericht entscheidet im Interesse der Mitarbeiterin

Wie die zuständigen Richter am LAG festhielten - und damit das vorinstanzliche Urteil bestätigten - existiere Kündigungsschutz für die Mitarbeiterin. Beide Instanzen wollten keine vorsätzliche Schädigung des Arbeitgebers im Handeln der langjährigen Mitarbeiterin verorten. Eine Manipulation wurde ebenso nicht gesehen. Was man ihr jedoch habe vorwerfen können, war die unterlassene Grundkontrolle des zur Disposition stehenden Überweisungsträgers. Das Gericht erkannte dabei auf einen gravierenden Fehler der Mitarbeiterin, dennoch sei dem Gericht nicht ersichtlich, wieso dieser einmalige gravierende Fehler eine Kündigung nach sich ziehen sollte - bei einer Person, die zuvor 26 Jahre treue Dienste leistete. Der Bank, so das Gericht, sei eine Abmahnung in diesem Falle zumutbar gewesen. Ebenso wies das LAG ab, dass eine Auflösung des Arbeitsverhältnisses in Betracht käme. Man wollte auch für diese Vorgehensweise keinerlei juristische Grundlage verorten und entschied, eine dienliche Fortführung des Arbeitsverhältnisses sei auch bei einem solchen einmaligen Fehler problemlos möglich.

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